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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   Aug/Sep 2019  

  
Was hat das Krabbeln
mit dem Lernen zu tun?
 
von Beate Tammer

  
Wann haben sie angefangen zu lernen? Im Kindergarten oder erst in der Schule?

Spätestens seit der Erforschung der vorgeburtlichen Entwicklung und der Pränataldiagnostik wissen wir, dass Sinneswahrnehmungen bereits bei einem Embryo von wenigen Wochen nachweisbar sind. Bereits in dieser frühen Phase bilden sich Nervenverbindungen im Gehirn, die aus den gemachten Erfahrungen stammen. Das Gehirn speichert und interpretiert diese Sinneseindrücke. Als Eltern können Sie einen positiven Einfluss auf Ihr werdendes Kind nehmen, indem Sie mit ihm kommunizieren, z.B. vorsingen, ruhige Musik hören und den Babybauch streicheln.

Nach der Geburt ist ein Neugeborenes vollkommen auf die Zuwendung und Versorgung durch die Beziehungspersonen, in der Regel die Mutter, angewiesen. Es kann weder allein den Kopf halten, noch bewusst seine Gliedmaßen bewegen. Die Nähe und Wärme durch Sie als Eltern geben Ihrem Kind die notwendige Geborgenheit, Sicherheit und Stabilität, mit der es sich in der Welt verorten kann.

 

Beate Tammer - "Was hat das Krabbeln mit dem Lernen zu tun?"

  
Beate Tammer
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Ehe,- Familien- und Lebensberaterin
Kinesiologin
www.praxis-tammer.de

 

  
Im Laufe des ersten Lebensjahres erwirbt Ihr Säugling eine Vielzahl von Kompetenzen:
Es lernt den Kopf zu halten, Hände und Füße zu erkunden, sie zueinander und zum Mund zu bewegen und den Po anzuheben. Später dreht es sich vom Rücken auf den Bauch und umgekehrt und geht in den Vierfüßlerstand, um schließlich zu krabbeln und zu laufen.

Diese aufeinander aufbauenden Bewegungsmuster sind von der Natur vorgegeben und werden durch Reflexe innerhalb eines bestimmten Zeitfensters gesteuert. Dabei wird die Muskulatur optimal trainiert und auf den nächsten Entwicklungsschritt vorbereitet. Außerdem schulen die verschiedenen Bewegungsmuster das Gleichgewichtssystem. Ihr Kind sammelt Informationen über die Beziehungen von Händen, Augen, Hüften, Schultern und der Körpermittellinie sowie der Körperhaltung. Es entsteht eine innere Vorstellung, mit deren Hilfe es sich orientieren und mit der Welt in Verbindung treten kann.

Dadurch verknüpfen sich im Gehirn wichtige Nervenbahnen, die die Grundlage für weitere Entwicklungsschritte bilden. Später lernt Ihr Kind, sich zunehmend bewusst zu bewegen und, nach einiger Übung, Bewegungsmuster zu automatisieren (z.B. Laufen oder Radfahren).
Dabei ist die kindliche Neugier und der Forscherdrang der Motor für eigenständiges Lernen. Aus den schon vorhandenen Kenntnissen über die Welt baut es neue Erfahrungen in das vorhandene Muster ein.

Dem Krabbeln kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Dabei werden Überkreuzbewegungen ausgeführt, die in der Entwicklung erstmalig die beiden Hirnhälften über den Corpus callosum (Balken) miteinander vernetzen. Für späteres schulisches Lernen brauchen wir den Zugang zu beiden Hälften. Die rechte Gehirnhälfte steuert eher ganzheitliche intuitive Prozesse, während die linke Hälfte für logisches Denken zuständig ist.

Unser Kopf ist nicht isoliert von unserem Körper. Lernen geschieht mit verschiedenen Sinneskanälen, indem wir mit der Welt interagieren. Je vielfältiger die Anregungen für unser Gehirn sind, desto verzweigter kann es sich entwickeln. Lerninhalte können besser behalten werden, wenn sie mit den verschiedenen Sinnen erfasst wurden.

Bewegung und Spiel fördern die natürliche Veranlagung des Kindes, Neues zu erforschen und sich fortzubewegen. Dabei spielen ermutigendes und bestätigendes Verhalten der Erziehungspersonen eine entscheidende Rolle. Dieses sollte der jeweiligen Entwicklungsphase angemessen sein. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo, in dem es die Lernschritte vollzieht. Ein Vergleich mit anderen Gleichaltrigen ist dabei nicht angebracht. Manches Kind kann bereits mit 10 Monaten laufen, während es aber in der sprachlichen Entwicklung anderen nachsteht. Es wird diese Phase zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Sie können kindgerechtes Spiel fördern, indem Sie altersentsprechende Anreize schaffen (z.B. können Sie in der Krabbelphase mit Ihrem Kind auf dem Boden spielen und Spielzeug in Sicht-, aber nicht in Reichweite legen). Wenn Sie Ihr Kind aufmerksam beobachten, wird es Ihnen seine nächsten Lernschritte „ankündigen“.

Dafür braucht es die Freiheit und den Raum, die Umgebung zu erkunden und eigene Erfahrungen zu machen, sowohl im Freien als auch innen. Selbstverständlich müssen Erzieher mögliche Gefahrenquellen ausschließen. Bieten Sie Ihrem Kind verschiedenes „Spielmaterial“ an! Das muss nicht nur gekauftes Spielzeug sein. Auch geeignete Gegenstände aus der Küche sind für kleine Kinder sehr interessant.

Vielfältige Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten schaffen die besten Voraussetzungen für einen optimalen Start in die Schule.

Sollte Ihr Kind eine Phase der frühen Entwicklung nur unzureichend oder gar nicht durchlebt haben (z. B. das Krabbeln), so besteht kein Grund zur Panik. Durch vielfältige eigenständige Überkreuzbewegungen kann Ihr Kind dies auch von allein integrieren und hat deshalb nicht zwangsläufig schulische Schwierigkeiten. Wenn Sie Defizite entdecken, die weit nach der normalen Entwicklungsphase fortbestehen, so ist der Kinderarzt der richtige Ansprechpartner.

Darüber hinaus können auch noch im späteren Lebensalter verpasste motorische Entwicklungsschritte nachgeholt werden. Das Gehirn ist sehr trainierbar und wir können lebenslang etwas Neues lernen.

Einfache Bewegungsübungen aus dem Brain Gym können zu leichterem Lernen beitragen. Dafür haben Dr. Paul und Gail Dennison ein Programm von 26 Übungen entwickelt. Es beinhaltet Bewegungen zum Überschreiten der Mittellinie, Längungsbewegungen, Übungen zum Fördern positiver Einstellungen sowie Energieübungen.

Regelmäßig durchgeführt, verhelfen sie zu größerer Entspannung, erleichtern das Lesen und Schreiben, das mathematische Verständnis, den sprachlichen Ausdruck, die Konzentrationsfähigkeit, die Koordination sowie die Motorik. Wenn schulische Erfolge sich (wieder) einstellen, wird davon auch das Verhalten und das Selbstwertgefühl positiv beeinflusst. Zitat von P. Dennison: „Wenn alles Üben nichts geholfen hat, dann kann es nicht am Üben gelegen haben.“


Ich wünsche Ihnen mit Ihrem Kind ein entspanntes, freudvolles Miteinander!
Beate Tammer

  
   

  
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