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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   April/Mai 2019  

    

  
„Um an die Quelle zu kommen,
muss man gegen den Strom schwimmen.“
(
Konfuzius)  

Warum Tai Chi eine andere Qualität in unser Leben bringen kann.
 
von Kristin Grund

   

  

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, stellte vor gut einhundert Jahren der Philosoph Ludwig Wittgenstein fest.
Besonders deutlich wird dieses Phänomen, wenn man sich mit der traditionellen chinesischen Bewegungskunst Tai Chi beschäftigt. Unsere europäische Sprache teilt unsere Lebenswelten und Erfahrungen in ein streng dialektisches System aus Entweder-oder-Gegensätzen ein – etwas ist entweder richtig oder falsch, warm oder kalt, schwarz oder weiß – und prägt dadurch unsere Denkweise.

Diesem Gedankengang folgend, können die Grundprinzipien des Tai Chi (auch: Taiji und Tai Chi Chuan) nachvollzogen werden als eine Methode, die Körper und Geist gleichsam anspricht, fordert und fördert.
Tai Chi bedeutet „das höchste Äußere“, „der Firstbalken des Hauses“, zählt zu den inneren Kampfkünsten und wird als wesentlicher Bestandteil der chinesischen Kultur, nachvollziehbar auf den Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin, seit Jahrtausenden in China praktiziert. In der breiten Öffentlichkeit ist Tai Chi jedoch erst seit etwa einhundert Jahren angekommen. Die traditionelle Weitergabe innerhalb verschiedener Klöster und Familien wurde spätestens seit der Herrschaft von Mao Tse-tung in der Mitte des 20. Jahrhunderts von einer Tai-Chi-fürs-Volk-Verordnung abgelöst.
Tai Chi als Pausengymnastik in dem diktatorischen Staatssystem der Volksrepublik China diente zur Gesunderhaltung von Alt und Jung und wurde dabei um wesentliche Elemente seiner Lehre beschnitten.
Emigrierte Chinesen brachten Tai Chi zuerst in die U.S.A. und von da aus vollzog sich der Kulturtransfer nach Europa. „Die Tradition des Tai Chi ist über viele Jahrhunderte hin durch die Zeiten gewachsen und weitergegeben, verfeinert und vertieft worden, bis es in unserer Zeit angekommen ist.
Und es wird weitergehen, über unsere Zeit hinaus“, fasst Chris Reichwald, Lehrerin für Tai Chi und Körperarbeit, die Entwicklung zusammen und stellt zur Tai-Chi-Praxis weiter fest:
„Und plötzlich merkst du, dass du dich in einem System befindest, das es lange, lange, lange vor dir gegeben hat und was es wahrscheinlich auch lange, lange nach dir geben wird. Dass du dich also nicht in einer Momentaufnahme von irgendeiner Modeerscheinung befindest, sondern dass du dich auf eine Traditionslinie begibst, die auch unabhängig von dir selbst weiterfließen wird.“

 

Chris Reichwald - Tai Chi Schule Erfurt

  
Chris Reichwald
leitet seit 2003 die Tai-Chi-Schule
in der Erfurter Altstadt.

Sie ist ausgebildete Lehrerin des IFBUB (Institut für Bewegungslehre und Bewegungsforschung) und Vertragspartnerin der AOK.
Ihre Kurse sind offen
für alle Generationen und alle Geschlechter.
Die einzige Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zum Trainieren in der Gruppe, da Partnerübungen einen wesentlichen Bestandteil des Unterrichts darstellen.

diverse Kurse der Hand- und Waffenformen

Zum Kennenlernen:
Schnuppertraining und „Training im Freien“,
jeden 2. Sonntag im Monat
von 10-11 Uhr im Erfurter Brühler Garten.
  
Außerdem:
Teeabende zu diversen Themengebieten des Tai Chi und Kurse zu chinesischer Kalligrafie

www.tai-chi-erfurt.de
Mobilfunk 0152 36359686

   

   
Chris Reichwald leitet seit 2003 die Tai-Chi-Schule in der Erfurter Altstadt. Dort unterrichtet sie derzeit zwischen 70 und 80 Tai-Chi-Schüler*innen in Tai-Chi-Kursen und kann auf einen beträchtlichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Aktuell erstreckt sich die Altersspanne zwischen 19 und 75 Jahre. Ihre Kurse sind offen für alle Generationen und alle Geschlechter. Die einzige Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zum Trainieren in der Gruppe, da Partner*innenübungen einen wesentlichen Bestandteil des Unterrichts darstellen.

Tai Chi ist keine Tablette!
Chris Reichwalds Motivation für eine wohl dosierte Öffentlichkeitsarbeit im Bereich des Tai Chi erfolgt in Gestalt einer nachhaltigen und behutsamen Aufklärung: „Wir wollen damit einen Personenkreis ansprechen, der vom Tai Chi nichts oder wenig weiß oder nur davon gehört hat, der aber für sich selber auf der Suche ist nach einer Möglichkeit, das Leben positiv zu verändern.“
         Hervorzuheben ist an dieser Stelle die inhärente Qualität der Tai-Chi-Praxis. Werden wir als Konsumenten auf dem Markt der Lifestyle- und Wellness-Industrie nicht täglich von zig Möglichkeiten der positiven Lebensveränderung regelrecht angesprungen und was macht dabei den Unterschied für den Weg des Tai Chi aus? Ganz einfach (und deswegen im Sinne Wittgensteins so schwer zu beschreiben): Tai Chi ist keine Tablette! Es ist vielmehr ein langer Weg, auf den man sich wahrhaft einlassen muss – weil man es möchte. Oder man kommt unweigerlich von Selbigem ab. Dieses Beschreiten beansprucht viel – sehr viel – Zeit und gelingt nur durch das sich gegenseitig bedingende Zusammenspiel von Körper und Geist. Denken wir an Yin und Yang zurück, bedeutet es, sich einen Ausgleich zu erarbeiten: zwischen dem männlichen und weiblichen, dem harten und weichen, dem bewegten und verharrenden Prinzip. Panta rhei, alles fließt, ist das Ziel der Tai-Chi-Übenden, welches ein Leben lang angestrebt, verfeinert und geübt werden will und kann.
         „Es ist ein Gegenentwurf zu unserer derzeitigen gesellschaftlichen Wahrnehmung, in der schnelle Erfolge als das Nonplusultra dargestellt werden. Tai Chi ist genau der gegenteilige Weg. Zur Quelle geht's gegen den Strom. Es ist zwar keine Gegenbewegung, aber es ist eine Bewegung in die Tiefe“, bringt es Chris Reichwald auf den Punkt. Die eigene mentale und körperliche Bewegung findet nicht im Appell des „höher, weiter, schneller“, sondern in der Qualität des „tiefer, zu dir kommend, langsamer“ statt. Dabei ist die Essenz das weiche Fließen der Lebensenergie (Chi), die sich im Äußeren in eleganten und harmonischen Bewegungen und im Inneren als barrierefreier Energiefluss wahrnehmbar ist. Körper und Geist sind dabei eine koordinierte Einheit. Das bedeutet andersherum: eine innere Blockade lässt den Bewegungsfluss stocken.

Schluss mit Wellness!
Dies hängt basal mit angstfreiem Loslassen, mutiger Aufmerksamkeit und kon­sequenter Übung zusammen und verdeutlicht, warum Tai Chi eben keine Wellness im Sinne eines passiven Wohlfühlangebotes unter vielen – vom Softdrink bis zum Kurzurlaub – ist, sondern das genaue Gegenteil. Chris Reichwald führt diesen Zusammenhang folgendermaßen aus: „Tai Chi ist ein langer Weg, kein schneller. Kein schneller Erfolg, wie unsere Gesellschaft gern vorgibt, sondern es ist eine Schule in Ausdauer und sichtbarer, fühlbarer Entwicklung. Im Tai Chi entsprechen wir dem Leistungsprinzip schon in gewisser Weise, weil wir ja auch vorwärts gehen. Aber es ist kein Vorwärts, sondern es ist ein In-die-Tiefe-Kommen. Das ist ein Unterschied. Tai Chi ist eine Lehre, bei dem man darauf setzt, dass es Dinge gibt, die in die Zukunft und in die Tiefe wirken und die eben keine schnellen Erfolge zeigen können, weil eine Tiefe erst erreicht werden muss. Und gerade in dieser Zeit, in der so viele Anker keinen Boden mehr fassen und wo ich rundherum sehe, dass nichts trägt, halte ich es für besonders wichtig, auf den Weg des Tai Chi hinzuweisen.“
         Die Lehre und das Ausüben des Tai Chi ruhen auf bestimmten Prinzipien, die während der Tai-Chi-Praxis permanent Anwendung finden. Dadurch wird eine nachhaltige, körperlich-mentale Veränderung herbeigeführt, die schließlich in allen Lebensbereichen wahrnehmbar ist. Grundpfeiler sind u. a. die Bildung einer Einheit von Körper und Geist durch den Prozess der Koordinierung. Denken wir zum Beispiel an Neugeborene. Wenn sie gähnen, ist der gesamte Körper beteiligt. Sie strecken und recken gleichzeitig Arme und Beine weit von sich, während sie den kleinen Mund weit aufsperren, die Augen schließen und tief in den Körper einatmen. Wer tut dies als (v)erwachsener Mensch noch auf diese Art und Weise? Das Neugeborene bewegt sich in einer Einheit, alle Körperteile und die mentale Verfasstheit agieren in Einem. Diese Koordinierung hängt – wie alles im Tai Chi – mit der Wahrnehmung des Körperzentrums (unteres Tantien), der fühlbaren Verwurzelung und Ausbildung von Balance zusammen. Mit den Methoden der Zeit sensibilisieren und schärfen Tai-Chi-Übende ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten und treten durch diese Arbeit in Resonanz zu ihrer (und anderer Menschen) Lebensenergie.
         Denken wir an das Wittgenstein'sche Eingangszitat zurück, so ist leider festzustellen, dass die sprachlichen Grenzen für das Wesen und die Effekte des Tai Chi in derselben Sprachlandschaft wie die Produkte der Wellness- und Lifestyle-Industrie angesiedelt sind: Balance, Achtsamkeit, Harmonie, (mehr) Energie, Gelassenheit, Entspannung, ... Dabei sind sowohl die Inhalte als auch die Wege, die zum „Gipfel der Entspannung“ führen, äußerst verschieden. Zwar sind die Begriffe identisch, besitzen jedoch einen anderen kulturellen und philosophischen Hintergrund. Wenn im zeitgenössischen Mitteleuropa von Entspannung gesprochen wird, ist meist die Rede von „Wellness“, also: Nichtstun fürs Wohlbefinden. Im fernöstlichen taoistischen Kontext ist Entspannung als passiver Zustand allerdings undenkbar, sondern vielmehr ein aktiver Ausgleich zwischen Yin und Yang, Anspannung und Entspannung. Tai Chi wird im europäischen Kontext oft im Zusammenhang mit Gesundheitsprävention, Anti-Stress- und Achtsamkeitsübungen erwähnt. „Tai Chi ist eine Methode der geistigen und körperlichen Schulung. Die Bewegungen kommen aus dem Zentrum des Körpers, weil es eine Meditation in Bewegung ist. Es ist also keine liegende oder sitzende Position, sondern es ist eine Meditation, in der sich der Körper bewegt. Und indem er sich bewegt, findet er zu einer inneren Verwurzelung, zu einer Balance“, erklärt Chris Reichwald.

„Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“
Für Außenstehende ähnelt Tai Chi rein visuell einer sehr langsam ausgeführten Tanzchoreografie. Während die Schüler*innen eine Form laufen, zum Beispiel die in Europa weit verbreitete 24er-Pekingform, gehen die einzelnen Bilder einer Form ineinander über, sie fließen buchstäblich zusammen. Chris Reichwald erläutert die Tragweite dieser Bewegungen so: „Tai Chi ist ein Weg durch die Zeiten und ich finde, dass die Tai-Chi-Formen auch etwas zum Sich-daran-Festhalten sind. Also an sich selbst, an einer Bewegungsform, die dir selbst gehört, die du dir selbst erarbeitet hast, die dir auch Erfolge bringt im Hinblick auf deinen Körper, deine Beweglichkeit, deine Gesundheit und Kraft. Tai Chi ist eine Lehre, die nicht irgendwelchen Dogmen unterliegt, sondern es sind bestimmte Verhaltensweisen, die wichtig sind. Du suchst eigentlich einen Weg, der dir Boden unter den Füßen gibt. Und da wären wir bei dem Verwurzeln. Wer entwurzelt ist, kann nicht verwurzeln.“
         Das Prinzip der Verwurzelung geht Hand in Hand mit der Meditation. Beides ist untrennbar mit der Tai-Chi-Praxis verbunden, stärkt die Energie und baut innere Kraft auf. Besonders deutlich wird dies zum Beispiel in der Partnerübung „Seitliches Schieben“. Es ist erstaunlich, welch hohem äußeren Druck Übende standhalten können, indem sie sich über ihre Füße und die entsprechende Körper- und Geisteshaltung verwurzeln und dadurch die Energie des anderen ableiten können, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Dabei ist das Zusammenspiel von mentaler und körperlicher Einstellung unweigerlich spürbar. Ebenso ist die aus der Verwurzelung resultierende Balance (auch) metaphorisch zu verstehen, da es Balance bzw. Gleichgewicht nur geben kann, wenn ein belastbarer Stand- und Schwerpunkt sowie ein Gespür für etwaige Kurskorrekturen aufgrund einwirkender Kräfte – der Gleichgewichtssinn – vorhanden sind. Durch die aufrechte Haltung während der Übung, die buchstäblich „vom Scheitel bis zur Sohle“ vollzogen wird, kommt es zu einer Stärkung der tiefliegenden Muskulatur, die wiederum für einen stabilen Stütz- und Bewegungsapparat vorteilhaft ist. Auch die Atmung, ein weiterer wesentlicher Tai-Chi-Pfeiler, kann tiefer strömen und Organe und Gewebe besser versorgen. Der Stoffwechsel wird unterstützt und bestimmte Fehlstellungen können sukzessive korrigiert werden. Dieses feine Zusammenspiel verdeutlicht auch den großen Unterschied zu den weit verbreiteten, rein nach außen gerichteten sportlichen Bewegungen wie schweißtreibende Workouts in Fitnessstudios oder zu Hause oder Joggen, um nur zwei der zahlreichen Beispiele wertungsfrei zu nennen.
         „Über die Körperhaltung kannst du dein Wesen verändern. Es kommt auf die äußere Haltung an und da schließt sich die innere ein Stück an. Es geht um die Aufrichtung, der Mensch zwischen Himmel und Erde, um die Ausrichtung. Ja, ich glaube, das Äußere bestimmt das Innere“, führt Chris Reichwald abschließend dazu aus und zitiert lächelnd aus dem Tao te Puh: „'Gehen wir den Weg, dann verstehen wir den Weg, dann tut der Weg sich auf und im Tun nimmt alles seinen Lauf. Mach nur deine Augen auf, doch starr nicht gegen eine Wand, die Wand ist dein Verstand. Dann ist der Weg nicht schwer, er läuft dir hinterher.'“ Noch Fragen? Hoffentlich!
  

Wer neugierig auf Tai Chi geworden ist oder einfach mal beim Tai-Chi-Üben zusehen möchte, kann sich für ein Schnuppertraining bei Chris Reichwald anmelden oder beim „Training im Freien“ vorbeikommen.
Dies findet am jeweils zweiten Sonntag im Monat von 10 bis 11 Uhr im Erfurter Brühler Garten statt.
Darüber hinaus finden in der Tai-Chi-Schule von Chris Reichwald Teeabende zu diversen Themengebieten des Tai Chi und Kurse zu chinesischer Kalligrafie statt.
Die laufenden Kurse der Hand- und Waffenformen sind auf der nachstehenden Webseite ersichtlich. Chris Reichwald ist ausgebildete Lehrerin des IFBUB (Institut für Bewegungslehre und Bewegungsforschung) und Vertragspartnerin der AOK (Kontakt: Chris Reichwald, www.tai-chi-erfurt.de, Mobilfunk 0152 36359686).

Als ergänzende Lektüre sei allen Interessierten „Die Essenz des Tai Chi“ von Waysun Liao empfohlen.
  

Zum Abschluss ein kleiner Text von Chris Reichwald:
Tai Chi ist Imaginieren
das Imaginierte gestalten
Sinken und Steigen, Lösen und Binden
Ballast abschütteln
mit allem in Kontakt sein
neue Wege finden / sich selbst entdecken
- mit den Methoden der Zeit.
Die Neugier auf das Unbekannte,
Unerreichte, nicht Greifbare wecken.
Hier und im Augenblick
mit sich im Einklang sein.“

Und um mit Ludwig Wittgenstein auch zu enden: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“