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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   April/Mai 2019  

  
  
Sammlung und Einklang
beim Familienstellen

 
von Thomas Gehrmann

  
„Bei Familienaufstellungen geht der Aufsteller
rein phänomenologisch vor.
Das heißt, er setzt sich einem dunklen Zusammenhang aus,
bis ihm plötzlich Klarheit kommt.“

Bert Hellinger


Bert Hellinger
hat seine Form des Familienstellens von herkömmlichen Formen in der systemischen Familientherapie stets abgegrenzt und betont, seine Art aufzustellen sei „phänomenologisch“. Normalerweise ist Hellingers Sprache ganz einfach, manchmal etwas altertümlich, aber immer leicht verständlich. Nur dieses eine Wort sticht da heraus – altertümlich in gewisser Weise auch, denn wer befasst sich heute schon noch mit Philosophie, keinesfalls aber ist es einfach, und gut verständlich ist es auch nicht. Hellinger weiß das und sagt „über den phänomenologischen Erkenntnisweg: Wir können ihn nicht verstehen. Wir können ihn nur gehen.“

Ich persönlich mochte den Begriff phänomenologisch schon deswegen nie, weil ich schon Probleme hatte, ihn auszusprechen, ohne zu stolpern. Und was heißt es eigentlich genau? Hellinger: „In dem Wort Phänomenologie steckt das Wort Phänomen. Das ist also etwas, das sich zeigt. Und als Philosoph setze ich mich dem aus, was sich zeigt. Ich brauch mir nichts auszudenken. Ich schaue auf das, was sich zeigt.“ Doch was zeigt sich beim Aufstellen?
Ein bekannter Aufsteller schrieb: „Wenn ein Stellvertreter zu Boden fällt, ist es nicht phänomenologisch zu sagen, ‚Weißt du, was das bedeutet? Jemand in dem System ist plötzlich gestorben’. Man muss streng differenzieren zwischen phänomenologischen Beobachtungen und deren Deutungen. Phänomenologisch betrachtet bedeutet das Hinfallen nur, dass der Stellvertreter zu Boden gegangen ist“.
  

 

"In eine andere Weite - zur Philosophie und Theologie von Bert Hellinger" - Buch von Thomas Gehrmann und Ursula Steinbach

  
Thomas Gehrmann und Ursula Steinbach
ISM Kassel
Institut für Systemaufstellung & Meditation
www.familienstellen-meditation.de

>> Info zum Buch

   

Doch ist einfaches Beobachten schon phänomenologisch? Und hat dieses Phänomen, dass ein Stellvertreter plötzlich zu Boden stürzt, gar keine Bedeutung? Natürlich hat es das! Ohne dem hätten Aufstellungen ja gar keinen Sinn. Und im konkreten Falle hielte ich es kaum für falsch zu folgern, dass da jemand auf eine plötzliche Art und Weise gestorben ist. Was sollte es denn sonst heißen? Andere Gesten, Bewegungen oder Gefühle von Stellvertretern sind schwerer zu deuten als diese.

Doch geht es Hellinger überhaupt darum? Eigentlich hat er nie von phänomenologischer Beobachtung gesprochen, sondern von Wahrnehmung. Und diese Wahrnehmung ist ein innerer Vorgang, der mit Beobachten und Deuten wenig zu tun hat. Was er mit dieser Wahrnehmung meint, beschrieb Hellinger gern am Beispiel seiner Erkenntnisse über das Wesen und die Funktion des Gewissens:
„Alles, was über das Gewissen geschrieben und gesagt wurde, dem habe ich mich ausgesetzt, sechs Jahre lang, ohne Urteil. Ohne, dass ich irgendetwas wollte. Ich habe mich nur den Phänomenen ausgesetzt. Ich habe das so aus der Ferne beobachtet, und nach sechs Jahren kam plötzlich die entscheidende Einsicht: Das Gewissen entscheidet über Zugehörigkeit“.  Das schlechte Gewissen signalisiert uns, dass wir mit etwas, das wir tun oder denken, unsere Zugehörigkeit riskieren, vor allen die zu unserer Familie.

Diese Erkenntnis kam also nicht aus aktivem Forschen und Nachdenken, sondern sie wurde Hellinger, wie er sagt, „geschenkt“. Darüber, wer oder was ihn da beschenkt, schwieg er. Es kommt nur, wie er sagt, etwas „von woanders her“. Immerhin können wir daraus schließen, dass es für ihn eine „Anders-Welt“ gibt, die unserem forschenden Zugriff entzogen ist, die uns aber mit Einsichten beschenkt – vorausgesetzt, dass wir in eine angemessene Haltung gehen.
Was aber macht das Aufstellen nach Hellinger in diesem Sinne phänomenologisch? Vor allem ist es das, was er die „Sammlung“ nennt – ein anderes Wort für Meditation. Wir halten Abstand, schauen aus der Ferne. In der buddhistisch geprägten Meditations-Lehre heißt das: Sich nicht identifizieren. Und wir nehmen Abstand von unseren eigenen Vorstellungen, von unseren persönlichen Vorlieben oder Abneigungen. Wir nehmen Abstand von unseren Absichten – ausdrücklich auch der Absicht, jemanden zu helfen. Wir nehmen Abstand von unserer Angst, vor allem der Angst, was andere über uns sagen könnten. Wir nehmen Abstand von unseren Vorstellungen von falsch und richtig, von gut und böse. Das heißt: Wir distanzieren uns von unserem Gewissen. Und wie tun wir das? Wir treten innerlich einen Schritt zurück. Und wenn es sein muss: Noch einen. Wir nehmen Zuflucht in der Leere. Das nennt Hellinger „das reine Bewusstsein“.

Diese Haltung ist es, die das phänomenologische Familienstellen nach Hellinger kennzeichnet. In dieser meditativen Leere, in der Stille des reinen Bewusstseins, sind wir offen dafür, dass wir das Wesentliche erkennen. Was jemand beim Aufstellen als sein Anliegen benennt, ist das Offensichtliche. Das Wesentliche ist meistens im Dunkeln verborgen.
Hellinger: „Viele von euch haben sich vielleicht gewundert, dass ich einfach so Personen aufgestellt habe. Ich habe sie [die Falleinbringerin] ja gar nicht gefragt, was sie will. Wie komme ich dazu? Ja, ich sammle mich und bin dann im Einklang mit der Person, um die es geht. Und während ich da sitze, sehe ich auf einmal: Links vor der Frau sitzt jemand, ein Kind. Dann habe ich eine Person ausgewählt und sie sich dort hin setzen lassen. Und in meiner Sammlung habe ich dann gesehen, dass hinter ihr jemand steht, und dann, dass hinter dieser Person noch jemand steht.
Also, im Einklang mit dieser Person und mit dem, wohin es führen soll für eine Lösung, habe ich gesehen, was als nächstes kommt. Und zwar immer nur eines: Das Erste, dann das Zweite, dann das Dritte. Nicht alles zusammen. Das also ist der innere Vorgang. Wir können das lernen, dass wir in eine andere Dimension gehen. Weg von den Überlegungen: Was könnte und was müsste geschehen?“
Weg von unseren Überlegungen, weg vom Ich, hin zur Leere der Meditation, zur Empfänglichkeit für eine höhere Kraft, die uns für eine umfassende gute Lösung in den Dienst nimmt.