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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   Okt/Nov 2018  

  
  
Traumaheilung und Bewusstwerdung
 
von Dr. Inge Grell

  
„Nur mit dem Herzen kannst du den Himmel berühren“
Rumi
   

Wenn wir mit dem Denken identifiziert sind, funktionieren wir wie jedes andere Säugetier ausschließlich im Überlebensmodus. Wir sind im ständigen Widerstreit mit dem, was das Leben uns zuspielt. Wir halten das, was wir von uns und der Welt denken, für die Wirklichkeit. Wir verwechseln unsere Lebenssituation mit dem Leben und führen Krieg im Innern. Wir sehen den Anderen als potentielle Bedrohung an und führen so auch Krieg im Außen. Welche Form auch immer dieser Überlebenskampf annimmt. Er hinterlässt große und kleine Schlachtfelder und führt immer wieder zu einer Traumatisierung ganzer Bevölkerungsschichten.

 

Dr. Inge Grell

  
Dr. Inge Grell
ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und spezialisiert auf Trauma-Heilung und Bewusstwerdung mit iEMDR.
Ganzheit erfahren.
iemdr-ausbildung.metamorphosa.com

   

 

Richard klagte darüber, dass er sich beim Vortrag vor seinen Kollegen permanent räuspern musste. Dadurch fühlte er sich sehr eingeschränkt. Was sich dann im Prozess der Arbeit mit dem iEMDR-Symptomprotokoll zeigte, war nicht zu vermuten. Das Bild, das Anton mit dem Symptom assoziierte war wie ein Kratzen auf Glas. Nicht nur für Anton war es eine vollkommene Überraschung, dass dieses Symptom ihn geradewegs in den Luftschutzbunker- ker am Ende des zweiten Weltkrieges führte, wo er starr vor Schreck im Schoss seiner Mutter ausharrte, bis der Horror vorbei war. Das bereitwillige sich öffnen für diesen jüngeren Anteil führte zu einer schrittweisen Entladung der in diesem Ereignis erstarrten Lebensenergie mit hervorbrechen- den Emotionen begleitet von einem starken vibrieren des Körpers. Mit großer Dankbarkeit blickte er zum Abschluss auf das Symptom und lies es tief berührt wissen: „Jetzt ist der Krieg vorbei!“ Die konkrete Erfahrung lag über
60 Jahre zurück und spielte keine Rolle mehr in seinem Denken.

Heute wissen wir, dass an den Folgen traumatisierender Erfahrungen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern sogar die nachfolgenden Generationen noch schwer zu tragen haben. Deshalb ist es gut zu wissen, was ein Trauma ist, wodurch es entsteht, was die Folgen sind und wie Trauma-Heilung geschieht.

Was ist ein Trauma?
Aus der Trauma-Forschung wissen wir, dass ein „Trauma ein unerwartetes überwältigendes Ereignis ist, dass unsere individuellen Fähigkeiten bei weitem übersteigt, damit fertig zu werden. „ Krieg, Vertreibung, Verfolgung, Vergewaltigung, Missbrauch und Verlusterfahrungen sind nur einige Beispiele von Extremsituationen, die ein Ausgangspunkt für eine Traumatisierung sein können. Doch auch scheinbar harmlose Situationen können insbesondere auch im Kindesalter eine Traumatisierung nach sich ziehen. Häufig wissen wir dann gar nichts mehr von dieser Erfahrung und bemerken es erst über verschiedene Symptome. Für Richard war die Erfahrung im Luftschutzbunker sicher auch ein unerwartetes und überwältigendes Ereignis, dass seine Fähigkeiten bei weitem überstieg, damit fertig zu werden. So wurde es in tiefere Schichten verdrängt.

Wodurch kommt es zu einer traumatisierenden Reaktion?
Wie jedes andere Säugetier reagieren wir auf Situationen, die wir als bedrohlich wahrnehmen, instinktiv mit Flucht, Angriff oder Erstarrung (Todstellreflex). Der Körper wechselt dann blitzschnell in den Alarmmodus. Daraufhin wird das gesamte Nervensystem aktiviert, um der Bedrohung begegnen zu können. Ist es uns möglich zu fliehen oder anzugreifen, kann sich diese enorme Energie die hier bereitgestellt wird, auch wieder entladen. Besteht keine Möglichkeit für Flucht oder Angriff bleibt nur der Todstellreflex als Überlebensstrategie.

Was sind die Folgen einer traumatisierenden Überlebensreaktion?
Sich Tod zu stellen und sich von einer als bedrohlich wahrgenommenen Lebenssituation zu dissoziieren ist eine natürliche Überlebensreaktion des Organismus. Wenn das Bewusstsein sich aus dem Körper zurückgezogen hat, kommt es auch nach dem Schock-Ereignis zu keiner Verarbeitung und Entladung der im Körper bereitgestellten Energien zur Abwendung der Bedrohung. So bleibt der Tiger im Raum, obgleich die als bedrohlich wahrgenommene Situation schon lange Geschichte ist. Das wiederum führt zu einem dauerhaft erhöhten Stresspegel und zu einer Konservierung von Belastungsreaktionen, die mit einer Vielzahl von Symptomen einhergehen können, wie z.B. einer Übererregbarkeit, Ängsten, ein Gefühl der Hilflosigkeit, mangelndes Selbstwertgefühl, existentielle Verzweiflung, sucht- und selbstverletzendes Verhalten, der Unfähigkeit sich auf andere einzulassen, Schlaflosigkeit, chronische Schmerzen und vieles mehr. Richard wäre sicher nie auf die Idee gekommen, dass das Räuspern etwas mit dieser Kriegserfahrung zu tun hat.

Worauf machen Symptome aufmerksam?
Ein buddhistischer Weisheitslehrer schrieb, „Symptome sind Drachen, die einen Schatz bewachen“. Wie wir bei Richard sehen können, ist der Schatz, der vom Drachen bewacht wird, die im Körper festgehaltene Lebensenergie. Sie klopft über mitunter auch unscheinbare Symptome machtvoll an die Tür und fordert ihre Integration ein. Wird das fühlend erkannt, dann ist sowohl der Kampf gegen das Symptom beendet als auch der Schatz gehoben, der vom Symptom bewacht wird. Folgen wir bereitwillig der Einladung des Symptoms auf Schatzsuche zu gehen, dann werden wir reich beschenkt und beginnen uns aus der Identifikation mit dem „Schmerzkörper“ (Eckhart Tolle) zu lösen. Der Schmerzkörper jedoch ist nichts anderes, als im Überlebensmodus stecken gebliebene, festgehaltene Lebensenergie, die uns auf individuelle und kollektive bedrohliche Ereignisse fixiert, die noch nicht gesehen und durch das Licht der Bewusstheit erlöst worden sind. Doch wir wir sehen will alles nach Hause kommen. Das wir sogar unter „ererbten Wunden“ leiden, verdeutlicht sehr eindrücklich, dass nichts voneinander getrennt existiert und es auch einen kollektiven Schmerzkörper gibt, der seinen Tribut fordert.

Wofür braucht es Trauma-Arbeit?
Trauma-Arbeit
ist nötig, weil in uns alle Erfahrungen in verschiedenen Schichten verkörpert sind. Insbesondere die tieferen Schichten verkörperter Erfahrungen, die unbewusst und abgespalten sind, bringen sich über Symptome immer wieder in Erinnerung. Sie sind in unserem Nervensystem noch aktiv. Das Leben spielt uns dann prompt Situationen zu, die ein geeigneter Auslöser sind, uns daran zu erinnern, dass etwas in uns noch nicht gesehen und integriert ist. Diese nicht gesehenen und eingekapselten verkörperten Erfahrungen binden uns an Geschichte und Geschichten, individuelle und kollektive. Eingewoben in das Gespinst unverarbeiteter Erfahrungen sind wir in der Zeit gefangen und verpassen so das Sein, das immer nur Jetzt ist. Trauma-Arbeit im Rahmen einer Trauma-Therapie ist notwendig, um uns aus diesem Gespinst nachhaltig lösen.

Wie geschieht Trauma-Heilung?
Trauma-Heilung
setzt eine Person voraus, die eine traumatische Reaktion erlitten hat. Da noch nahezu die gesamte Menschheit im Denken verwurzelt und damit in der Formentrance von „Ich und mein Leben“ gefangen ist, wird auch in den nächsten Jahren Trauma-Heilung ein wichtiges Thema im therapeutischen Kontext sein. Trauma-Heilung nimmt die tieferen Schichten unserer verkörperten Erfahrungen in den Blick. Nur wenn es gelingt einen Rahmen zu schaffen, der in mitfühlender Präsenz des Therapeuten sicher und einladend genug ist, um die tieferen Schichten dieser Erfahrungen wieder zu uns sprechen zu lassen, ist eine schrittweise Entladung der immensen Überlebensenergie, die noch im Todstellreflex gebunden ist, möglich. Darüber erfahren wir eindrücklich die Kraft der Gegenwärtigkeit und das Selbstheilung ganz natürlich geschieht, wenn das Licht der Bewusstheit auf die tieferen Schichten unserer verkörperten Erfahrungen trifft. Dann finden wir uns beschenkt mit einem Empfinden von Ganzheit und erfüllt von dem Bewusstsein, das etwas Wesentliches integriert worden ist.

Trauma-Therapie eignet sich auf besondere Weise im Rahmen von Trauma-Heilung eine Tür zu öffnen, wo wir auf eine direkte Weise erforschen und erfahren können, wer wir jenseits von Name und Form sind. Darüber erlangen wir ein Bewusstsein, dass das was wir sind tiefer reicht als das was wir empfinden, fühlen und denken. Indem wir uns auf dieser inneren Entdeckungsreise mit dem Nichtwissen anfreunden, geben wir uns mehr und mehr der bodenlosen Tiefe des Lebens hin. Und wenn es sein soll, erfahren wir wie das Leben erleichtert aufatmet, wenn es von der Last einer persönlichen Identität befreit ist. Das ist jedoch dann das Ende einer jeden Therapie. Wir spüren die vibrierende Lebendigkeit inneren Friedens und die Dankbarkeit, wenn der Krieg im Innern ein Ende gefunden hat. Dann ist es, wie es ist und wir brauchen keinen Krieg mehr im Außen zu führen.