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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   August/September 2018  

  
  
Die Natur als Heilquelle und Lehrer
 

von Gwynnefer Sylvia Kinne

 

Ich sitze unter einem sehr alten Kastanienbaum auf einer Parkbank. Bis mein Dienst im Altenpflegeheim beginnt, habe ich noch etwas Zeit. Lauschend höre ich die Vögel ihre Lieder singen. Ich denke: Der über hundertjährige, alte Kastanienbaum hat sicherlich viel erlebt und gesehen. Er steht felsenfest tagein und tagaus, bei Wind und Wetter an seinem Platz.
In der Stille beginnt der Baum mit mir zu kommunizieren. Sein dicker Stamm erinnert mich an meinen Stammbaum. Meine Familie gibt mir Halt und Sicherheit in meinem Leben. Die oberen Äste ragen bis in den Himmel und tanzen im Sommerwind. Sie sind so beweglich, dass ihnen auch ein starker Wind nichts weiter ausmacht. Wie beweglich bist du mental? Fühlst du dich ausgelaugt und erschöpft? Wann hast du das letzte Mal die Heilquelle der Natur genutzt?
   
Es wird noch stiller in mir. Es entspannt mich, im Schatten des Baumes zu sitzen, meinen Gedanken nachzuhängen und ihnen freien Lauf zu lassen. Der alte, kräftige Baum ist mein Freund. Ich breite mein Inneres vor ihm aus. Es tut mir gut zu wissen, dass er mir seine Gedanken nicht überstülpen wird. Und doch ist es jetzt so, dass ich meinem Freund Fragen stelle. Egal, was ich ihn frage, immer antwortet er mir: „Entspanne dich bei mir.“
Kennst du auch den Druck und die Hektik der modernen Zeit? Pflichtbewusstsein prägt deine Stimmung. Bei Aufgaben, die Durchhaltevermögen und Konzentration erfordern, kommst du gut voran. Mit unnachgiebiger Strenge machst du dir aber keine Freude. Lebenshetzerei und Rastlosigkeit bestimmen deinen Alltag.

 

Rosskastanie

  


Der alte, kräftige Baum beginnt mir nun ganz langsam seine Geschichte zu erzählen. Die Sprache setzt sich zusammen aus äußeren Formen und Gegebenheiten. Jetzt sehe ich mir seine Rinde an. Sie erinnert mich an die Haut alter Menschen. Die Bildsprache ist mir nicht fremd, nur im hektischen Alltag verloren gegangen. Ich nehme wahr, dass alles mit allem verbunden und im gegenseitigen Austausch ist.
Jetzt lege ich meine Handflächen an meinen kräftigen Kastanienbaum. Die Energie fließt zwischen uns hin und her. Alle Hektik, alle Zweifel und Ängste lasse ich abfließen. Ich weiß, der alte Baum wird mich nicht bewerten, verurteilen, besitzt weder Eigeninteresse noch Abwehr. Er führt keinen Kampf mit mir. Nein, das geschieht nur in der Kommunikation mit mir selber oder mit anderen Menschen.

Ich bin dankbar, durch die Augen des Baumes sehen zu dürfen. Es tut mir gut, meine Dankbarkeit auszudrücken. Dankbarkeit ist Bestandteil unserer Kommunikation und sollte viel mehr kultiviert werden.
Danke, dass du mir bis hierher gefolgt bist! Ich erinnere mich in der stillen Kommunikation mit der Natur an das Wesentliche. Bäumen dankbar zu sein, ist mehr als berechtigt. Die Natur hält für uns Menschen eine große Weisheitslehre bereit. Weg von einem Konkurrenzdenken, hin zu einem tiefen Vertrauen und zu Stärke, die das Leben für uns bereithält. Unter jedem Baum wartet die Erfahrung der Selbsterkenntnis auf uns. Der alte Baum ist mir Inspiration. Der Geist, der in mir erwacht, spricht zu mir. Mit dem Öffnen hin zu einer stillen Kommunikation, öffne ich mich hin zu einem tieferen Bewusstsein zum Leben. Ich weiß, dass ist eine sehr philosophische Betrachtungsweise. Doch wenn ich in der Natur bin, spüre ich den friedlichen Zustand, in dem sie ist. Dies ist kein Frieden im Sinne von Abwesenheit von Kampf, Tod oder Problemen, sondern ein Frieden, der sich aus dem natürlichen, vorbehaltlosen Mitfließen mit dem Leben ergibt. So wie es kommt.

Ich bin in dem Raum der Stille, in dem Raum für Wunder, angelangt. Hier bin ich präsent, still und im Mitgefühl. Für mich ist dies auch der Raum, aus dem heraus ich Sterbebegleitung durchführe. In dem Raum der Stille kann etwas durch mich gesagt werden, was einen echten Unterschied macht. Wenn ich als kleines rechthaberisches Wissen nicht mehr anwesend bin, dann passieren Dinge, die ich nicht erklären kann. Ich habe mich selbst Sätze sprechen hören, von denen ich nicht wusste, wo diese herkommen.

Die Natur ist der beste Therapeut, weil sie dich lehrt in der Gegenwart anzukommen und daraus Kraft zu schöpfen. Die Natur begünstigt dich auch dabei, dich wieder auf das Wesentliche zu besinnen und wahre Bedürfnisse zu erkennen. Und in der Besinnung auf das, was ist, öffnen sich auch heilende Kräfte. Deine Lebensenergie hat ganz viel damit zu tun zu realisieren, dass ein Energie- oder Informationsausgleich immer stattfindet.
Du leuchtest dann von innen heraus!

  

Gwynnefer Kinne

  
Gwynnefer Sylvia Kinne
lebt und arbeitet als Autorin, Frauencoach und soziale Betreuerin.
www.Gwynnefer.de