>> zur Startseite
   
Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   Aug/Sep 2017  

  
  
Die Angst zulassen
Der Schmerz sitzt in der Vermeidung
 

von Thomas Hübl

 

In der Entwicklung eines gesunden, zufriedenen Lebens spielt die Basis eine große Rolle. Das fängt damit an, dass wir in ein Feld hineingeboren werden, das einen Container bietet. Wie ein Blumentopf mit einer guten Erde. Damit der Samen unseres Lebens, unserer Intelligenz wirklich blühen kann, braucht es ein paar Voraussetzungen: Gesunde Bezogenheit, soweit wie möglich emotional gereifte Eltern, die wiederum in ihrer eigenen Basis stabil sind. Dann kann unser Leben wirklich auf der Welt Platz nehmen.

 

Thomas Hübl

  
 Thomas Hübl
www.thomashuebl.com
         

  
Wenn man einen Samen tief in die Erde pflanzt, entsteht von da aus der neue Baum und dann gibt es eine gewisse Stabilität. In dieser gesunden Bezogenheit und einer sicheren Basis entstehen in mir zwei Lebensgefühle. Das eine ist: Beziehung ist sicher. Und das andere ist: Das Leben ist sicher. Und erst wenn mich das Leben vom Gegenteil überzeugt, d.h. wenn wirklich Gefahr ist, dann entsteht in mir Angst. Aber ich muss nicht mein ganzes Leben lang mit Angst herumlaufen, ohne dass es einen Grund dafür gibt. Bei vielen Menschen ist die Grundprogrammierung der Basis aber: Es ist zu wenig, es ist nicht sicher und es ist nicht beständig. Und diese Faktoren legen wir dann wie eine Folie über unser Leben drüber. Wir sehen sie überall, egal ob der Hauptfilm so ist oder nicht.

Wenn Kinder von ihren Eltern nicht adäquat beschützt werden, dann müssen sie schon sehr früh lernen, die Angst, die sie normalerweise bei ihren Eltern abbauen könnten, selbst zu managen. Sie werden zu Menschen, die ihre Basis sehr kontrollieren: Um ihre Angst nicht zu fühlen, reduzieren sie ihre Sensibilität und spüren ihren Körper nicht mehr. Unter Umständen werden diese Menschen es später sehr schwer haben, einen gesunden Zugang zur Lebendigkeit ihres Körpers zu haben. Denn wenn sich der Körper öffnet, dann wird erst einmal sehr viel Angst freigesetzt. Daraus ergeben sich unterschiedliche Muster, die im Alltag des erwachsenen Menschen große Schwierigkeiten hervorrufen können, z.B. indem sie in ihrem Beruf, in intimen Beziehungen oder in Alltagssituationen Probleme haben Beziehungen aufzubauen und adäquat auf ihre Umwelt zu reagieren.

Indem ich etwas nicht hineinlasse, entstehen Spannungen, gibt es Reibung, gibt es Schnittstellen und da sitzt der Schmerz: in der Vermeidung. Immer wenn das Leben nicht rein kann und irgendwo stoppt, erzeugt es Schmerzen und sagt: „Ich will weiter“. Und ich vermute, das ist der evolutionäre Impuls, der sich ausbreiten will und sagt: „Du stehst mir nicht im Weg (!) und ich benutze jeden Weg, um dir zu zeigen, dass ich da durch will“.

Je stärker die Spannungsmuster in meinem Leben sind, desto mehr muss ich mir die Frage stellen: Welche Entwicklung in meiner Beziehung zur Welt blockiere ich gerade? Und je mehr ich mich darauf einlasse, sieht es zwar so aus, als würde es mich überwältigen. Manche würden dann sagen: „Aber ich kann das ja nicht alles reinlassen, das ist ja alles viel zu viel“. Aber das ist schon genau die Symptomatik.

Das Paradoxon ist, dass ich sage: „Es ist mir zu viel“. Aber wenn ich sehe, dass das schon die Konsequenz meiner Vermeidung ist, dann muss ich riskieren, dass es zu viel ist. Und dann sehe ich, dass das ja überhaupt nicht stimmt. Ich sehe, dass ich jetzt ein viel weiterer Kanal für das Wasser des Lebens bin, durch den auch mehr durch kann. Dann sehe ich plötzlich: Die Grenzen, die ich dachte zu haben, die stimmen überhaupt nicht. Das ist ja nur die Konsequenz meiner Enge und nicht meiner Grenzen.

In dem Moment, in dem ich immer nackter werde, das Leben wirklich zuzulassen und in der Intensität zu erfahren, wie es ist, verschwindet dieser getrennte Sinn vom Selbst und es entsteht eine immer größere Kohärenz zwischen Innen und Außen. Damit geht eine höhere Wahrhaftigkeit einher, eine größere Authentizität. Wir erleben dann immer mehr, dass das Leben ein Fluss ist, anstatt vieler getrennter Partikelchen. Es entsteht eine höhere Kohärenz, d.h., dass alle Partikelchen eines Systems lernen, sich gegenseitig besser zu beinhalten. Dann hat das ganze System eine höhere Kohärenz und eine höhere Intelligenz, weil einfach mehr hindurchfließen kann. Wenn alle Anteile eines Prozessors perfekt miteinander arbeiten, ist dieser natürlich hochleistungsfähiger als ein Prozessor, in dem jedes Teilchen versucht, für sich zu arbeiten. Und dadurch entsteht ein subjektives Gefühl von: Das Leben ist nicht außerhalb von mir, sondern ein integraler Bestandteil von mir — und ich von ihm. Und daraus resultiert eine ganz andere Bezogenheit auf alles, weil ich sehe, dass das Problem nicht da draußen ist, sondern dass es inhärent in meinem Sinn vom Selbst verwoben ist. Dadurch entsteht ein anderer Bewusstseinsraum.

Je offener das System ist und je atmungsaktiver die Oberfläche ist, desto weniger gibt es eine starre Trennung, sondern es ist ein dynamischer Lebensprozess, der uns alle inkludiert. Je geschlossener ich mich mache, umso anfälliger bin ich für Krisen und Herausforderungen, weil ich keinen adäquaten Raum dafür habe. Je mehr ich in das Leben hineingehe, umso mehr kann ich Krisen inkludieren und mit ihnen umgehen. Ich bleibe in einem flüssigen „Update-Mechanismus“.
Niemand würde sich einen Mac oder einen Windows-Rechner kaufen und ein Betriebssystem darauf laden und den Computer anschließend abschotten. Aber im Leben arbeiten wir immer noch mit dem Commodore 64.

Wir haben Angst vor Veränderungen und sehnen uns nach Harmonie. Und dann sehen wir nicht, dass Harmonie den Lebensprozesses tötet, weil sie versucht zu verhindern, dass sich irgendetwas verändert. Die Spannung zwischen Potenzial und verwirklichtem Leben - diese Spannung beheimaten zu können und sich in ihr niederzulassen, darum geht es.

Und dann sehe ich: Es gibt immer etwas, was mich treibt und es gibt immer etwas, was eine Schwerkraft hat, und die beiden werden immer mit einem dynamischen Gummiband miteinander verbunden sein. Und je dynamischer das ist, desto glücklicher werde ich sein.

Das „Ja“ zu einer Erfahrung gibt mir überhaupt erst die Möglichkeit zu wissen, ob ich „Ja“ oder „Nein“ sagen möchte. Sonst erlebe ich das Leben immer wie durch ein Ganzkörperkondom.
   
   
   
Quelle: Auszüge aus: „Mystik im Alltag“ 2016, Gespräche zwischen Thomas Hübl und Stephan Breidenbach. 

   

  
Info

Thomas Hübl ist ein spiritueller Lehrer, der Mystik in zeitgemäßer Weise lebt und vermittelt. Sein Wirken integriert die Essenz der großen Weisheitstraditionen, wissenschaftliche Erkenntnisse und persönliche Erfahrungen. Er widmet sein Leben der Aufgabe, Bewusstsein zu erforschen und Menschen in ihrem Prozess hin zu mehr Bewusstheit zu unterstützen. Seine Arbeit findet weltweit Resonanz.
Er bietet auch viele Kurse online an, so dass man von zu Hause aus teilnehmen kann.
www.thomashuebl.com
  
Gemeinsam mit seinem Team lädt Thomas Hübl seit vielen Jahren internationale Referenten und Künstler zum Celebrate Life Festival ein, einer Benefizveranstaltung in Norddeutschland, Oberlethe: www.celebrate-life.info