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Zeitschrift für Meditation, Kreativität und Heilung 
  seit 1999 | Auflage: 17.000 | kostenlos | zweimonatl. | Vertrieb: Sachsen+Thüringen+Sachsen-Anh.+Brandenburg | Auslage & Abo  
   
   April/Mai 2016
   
Editorial der Printausgabe
 
   

  
  

Liebe Leser,
  
  
im letzten Herbst war ich zum Urlaub in Israel. Als ich zurückkam und abends auf dem Berliner Flughafen landete, nahm ich einen Unterschied krass wahr – fast mit einer gewissen Bestürzung. Es waren nicht die Temperaturen, nein – die Menschen, die ich sah, die Deutschen, zu denen auch ich gehöre, machten mich nachdenklich.

Vieles hört man über Israel und vieles über die Juden und den Holocaust. Fast immer schwingt dabei in uns mit, dass wir ihnen gegenüber besonders verpflichtet sind. Ich dachte in diesem Augenblick jedoch: Um die Zukunft der Israelis muss ich mir keine Sorgen machen – aber um die der Deutschen.
  

       

Gundula Zeitz
  

 
 

Ich spürte in Israel starke Lebensenergie, Dynamik, herzliche Verbundenheit innerhalb der Familien und kollektiven Zusammenhalt. Überall gab es junge Leute und viele Kinder, ganz selbstverständlich. Auch wenn es viele Probleme gibt – ich bin überzeugt, dass sie diese mit solch einer Lebensenergie meistern können.
In Berlin sah ich an diesem Abend kein deutsches Kind. Die Menschen wirkten eher verschlossen, es gab wenig kollektiv verbindende Energie. Eine gewisse Schwere lag in der Luft und die Körperhaltung war nicht aufrecht selbstbewusst. Die Männer strahlten eher wenig männliche, aktive und haltgebende Energie aus, bei Frauen war vielfach die weibliche Qualität reduziert.
Ich fühlte mich unter ihnen heimisch und dachte gleichzeitig, dass es höchste Zeit ist, auch auf uns zu schauen, um die Folgen der Geschichte in uns zu heilen. Denn hier wirken offensichtlich alte Traumata sowohl individuell als auch kollektiv ungesehen weiter – wir haben innerlich noch keinen Frieden mit unserer Geschichte geschlossen. Dadurch, dass (fast) alle so sind, fällt uns dies nicht auf und wir halten es für normal. Lebendigkeit wird teilweise mit Spaßhaben verwechselt, Rückzug als Eigenständigkeit angesehen und Ängste können wir hinter deutscher Kontrolle verstecken.

Es scheint sehr wichtig, dass wir uns jetzt eine neue Ebene der Geschichtsaufarbeitung erschließen, die sich auch dem Inneren zuwendet, den verdrängten Gefühlen. Die stark polarisierende Emotionalität aktueller Diskussionen hängt sicherlich auch damit zusammen. Ich kann mir vorstellen, dass das Thema Flüchtlinge uns Deutsche so besonders betrifft, weil wir das Thema deutsche Kriegsflüchtlinge bzw. Vertriebene und das damit verbundene Leid bisher verdrängt haben. Jetzt drängt sich das Thema von außen auf und alte Wunden werden berührt, die sachliche Diskussionen und klare Handlungen erschweren. So wird jeder, der sich mit dem Titelthema beschäftigt, vielfältige Zusammenhänge erkennen – im persönlichen Leben ebenso wie in der großen Politik.

Wir können die Geschichte nicht mehr verändern, aber wir haben die Möglichkeit, ihren Einfluss auf unser Leben zu beenden, indem wir verdrängte Themen und Gefühle anschauen – Schicht für Schicht.
Ich wünsche, dass Ihnen diese Ausgabe viele neue Blickwinkel eröffnet und Sie den Mut haben, sich auch schwereren Themen zu nähern und diese in der eigenen Familie zu klären. Sie finden in dieser Ausgabe dazu viele Angebote zu professioneller Unterstützung.
  
  
Mit herzlichen Grüßen
Gundula Zeitz

 

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